Was heißt eigentlich Prozessbegleitung?
Helen: Aus meiner Sicht bedeutet Prozessbegleitung eine inhaltliche Unterstützung im Bedarfsfall. Wenn in einem Projekt Fragen oder Zweifel aufkommen, dann probieren wir als Prozessbegleiterinnen zu verstehen, wo es gerade hakt. Wenn es inhaltliche Fragen über TUSCH und die Zielsetzungen oder Rahmenbedingungen gibt, dann stehen wir als Ansprechpartnerinnen zur Verfügung. Und wenn es Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit gibt, dann probieren wir zu vermitteln.
Bettina: Es gibt in einer Partnerschaft mehrere Ebenen: Die Schüler*innen, die beteiligten Lehrer*innen, die ausführenden Künstler*innen, die Theaterleitung und die Schulleitung. Die Intensität der Beteiligung aller variiert in jeder Partnerschaft, aber wir versuchen, die Wünsche an das Projekt jeder dieser Gruppen zu erkennen und deren Umsetzung zu unterstützen.
H: Weil wir zu vielen Partnerschaften Kontakt haben, wissen wir auch um die Stolpersteine und können manchmal mit einfachen Tipps Probleme lösen.
B: Oft kann es hilfreich sein, von Lösungen zu berichten, die wir bereits mit anderen Partnerschaften erarbeitet haben.
Annika: Es treffen mit Schule und Theater zwei Systeme mit jeweils eigenen Regeln, eigenen Zeitrhythmen und unterschiedlichen Rollenverständnissen aufeinander. Das kann auch zu Reibungen führen. Die Prozessbegleitung kann unterstützen, die Lücken oder die möglichen Freiräume zwischen diesen Systemen ausfindig zu machen. Welche Strukturen eignen sich etwa, um ein Projekt zu realisieren? Die Prozessbegleitung kann verschiedene Modelle der Zusammenarbeit ins Spiel bringen und eine Rollenklärung unterstützen. Es gilt die jeweiligen Zielstellungen und Erwartungen an das Projekt und an die Akteur*innen gemeinsam zu schärfen. Manchmal entstehen im Aufeinandertreffen der zwei Systeme Konflikte. Dann ist es gut, mit der Prozessbegleitung Unterstützung als moderierende Instanz anzubieten.
Wie arbeitet eine Prozessbegleiterin?
H: Ich arbeite freiberuflich, vom heimischen Schreibtisch aus. Ich checke meine E-Mails und wenn etwas ist, rufe ich Leute an, antworte auf Mails oder organisiere ein Treffen. Außerdem besuche ich regelmäßig die Projekte und ich treffe mich mit dem TUSCH Team, wenn es Dinge zu organisieren gibt. Es ist eine Aufgabe, die schwer zeitlich zu umreißen ist. Ein weiterer Teil, den ich selbst oft unterschätze, ist die Terminkoordination. Menschen aus verschiedenen Einrichtungen zusammenzubringen, ist ein hoher Aufwand. Seit es Online-Konferenzen gibt, ist das auch wesentlich leichter geworden.
A: Wir besuchen die Partnerschaften vor Ort und sind viel in der Stadt und ihren Sozialräumen unterwegs. Was für eine Umgebung ist das? Wie sind die Distanzen zwischen den Häusern? Es ist manchmal wichtig, das körperlich zu erfahren und die Luft zu schnuppern. Und dann vor Ort viel zuzuhören und zu spüren: Was für ein Klima ist eigentlich im Haus? Wie gehen die Menschen miteinander ins Gespräch? Das hilft um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie die Projekte sich platzieren und wo es einen Impuls von außen geben kann. Und dann gibt es natürlich Aspekte der Programmarchitektur von TUSCH, etwa die Kurzdokumentation, das Schüler*innenfeedback oder das jährliche Auswertungsgespräch. Was ist gut gelaufen? Wo können wir nachjustieren?
Wo liegen die Herausforderungen der Prozessbegleitung?
H: Eine Herausforderung ist, alles unter einen Hut zu bekommen, niemanden zu vergessen, überall dranzubleiben. TUSCH ist ein vielfältiges Programm mit vielen unterschiedlichen Teilnehmenden und Mitarbeitenden und Mit-Schaffenden, die jeweils auf sehr individuelle Art arbeiten. Das wünschen wir uns ja. Deshalb ist es manchmal schwer, Lösungen zu finden, mit denen viele Menschen zufrieden sein können, ohne dass es eine Suppe wird von mittelmäßigen Kompromissen – also Akzente zu setzen und Entscheidungen zu treffen. Und da bekommen wir als Prozessbegleitungen auch Unzufriedenheiten mit. Es ist auch unsere Verantwortung, die Hürden zu erkennen und mit Umgestaltungen in ein lernendes Programm wieder zu integrieren.
A: Die Vielfalt spiegelt sich auch in unterschiedlichen Kunstbegriffen, die in den Institutionen und Partnerschaften mit Leben gefüllt werden. Und als Moderatorin bin ich natürlich auch mit einem bestimmten Kunstbegriff unterwegs. Wie positioniere ich mich? Wie kann ich eine Haltung vermitteln? Eine weitere Herausforderung sehe ich in der Zeitressource, die überall so knapp ist und immer knapper wird. Da ist so viel Vision da, aber so wenig zeitliche Ausstattung, um das möglich zu machen.
Und was sind die Sternstunden?
H: Für mich sind immer wieder die absoluten Sternstunden die Probenbesuche. Wenn ich sehe, wie die Schüler*innen arbeiten und wie sie beteiligt werden. Die Projekte setzen in den Kindern und Jugendlichen immer Prozesse in Gang. Mich berührt, wie alle um diesen Prozess ringen, wie die Kinder und Jugendlichen beteiligt werden, wie ihnen zugehört wird. Ich finde das ungemein bereichernd zu sehen, dass TUSCH und die Künstler*innen mit den Lehrer*innen einen Rahmen schaffen für die Sichtbarkeit der Schüler*innen.
B: Ja, genau, entflammte Kinder oder Jugendliche. Wobei entflammt nicht nur ideale, superharmonische Proben umfasst, Hauptsache, es wird theaterschaffend gearbeitet, mit allen Konflikten. Da TUSCH ja auch klar prozessorientiert ist, kann ich fast einfacher Sternprozesse als Sternstunden benennen. Mich macht es total glücklich, wenn in der Jahresreflexion oder im Nachgespräch mit den Schüler:innen beim Festival Beteiligte sagen, dass sie stolz sind auf ihre Arbeit oder im Rahmen von TUSCH etwas ausprobieren konnten, worauf sie neugierig waren. Wenn gerade Partnerschaften, die auch Probleme bekämpfen mussten, dann auf ihr TUSCH Jahr blicken und finden, es hat sich gelohnt für sie, das sind meine Sternstunden.
A: Damit TUSCH nachhaltig wirkt, ist es auch wichtig, dass die Lehrpersonen etwas mitnehmen, was sie dann selbst anwenden können im Unterricht. Und ich finde es toll zu erleben, was da für ein Empowerment passiert, auf der Ebene der Unterrichtsgestaltung, aber auch für die Schulgemeinschaft.
Welchen Stellenwert hat die Prozessbegleitung für TUSCH?
A: Bei TUSCH geht es nicht in erster Linie darum, Projekte zu machen, sondern auch darum, Strukturen langfristig zu erweitern und zu verändern. Theater als außerschulischen Lernort nachhaltig an die Schule zu koppeln. Und das erreichen wir nur durch kontinuierliche Kommunikation und Prozessbegleitung.
H: Ich habe schon Projekte erlebt, wo es wirklich ganz, ganz schwer war und wo wir durch die Prozessbegleitung einen Unterschied machen konnten: Kann das Projekt weiterlaufen oder nicht? Gibt es noch eine Lösung oder müssen sie aufhören? Manchmal braucht es jemanden von außen, um Lösungen zu finden. Andererseits ist es auch für TUSCH nachhaltig, wenn wir einen guten Touch zu den Projekten haben. Müssen wir als Programm vielleicht noch mal anders mit der Zeit mitgehen? Das kriegen wir natürlich nur mit, wenn wir selbst gut in Kommunikation mit den Menschen sind, die die Projekte durchführen, und so gut es geht auch mit den Schüler*innen.
B: Ich glaube, dass es wichtig ist, dass es eine Person gibt, an die sich alle wenden können. Wir geben Fragen dann eventuell weiter, z.B. finanzielle Belange, aber bei all den vielen Beteiligten und dem komplexen Geflecht, in das TUSCH Beteiligte einsteigen, schafft es eine Klarheit, dass man alle Fragen, Belange, Wünsche, Befindlichkeiten, Sorgen erstmal mit uns Prozessbegleiterinnen thematisieren kann. An den Themen, die an uns herangetragen werden, können wir auch ablesen, ob das TUSCH Programm in bestimmten Aspekten weiterentwickelt oder nachjustiert werden sollte. Darüber sind wir mit Annika als Programmleitung ständig im Austausch. Manchmal reicht es auch, einfach Verbündete zu sein. Es kommt ja vor, dass Einzelne tatsächlich oder in der eigenen Wahrnehmung in eine Einzelkämpfer*innensituation geraten. Dann versuchen wir gemeinsam, Wege aus dieser Situation zu finden, denn TUSCH ist ein Teamprojekt und kann auch nur so gelingen.
A: Ich denke auch an die Langfristigkeit der TUSCH Partnerschaften. Drei Jahre sind ja eine lange Reise, die Schulen und Theater gemeinsam durchlaufen. Dass da eine Beziehung wächst über die Zeit und sich Vertrauen aufbaut, sodass Informationen überhaupt im TUSCH Programmbüro landen.
H: Und die Theater kennen wir ja auch schon länger. Es gibt dort viele Menschen, die in den Projekten schon seit 10 oder 15 Jahren mit uns zusammenarbeiten. Ich kann wirklich sagen: Ich mache die Prozessbegleitung unheimlich gerne. Und ich finde es nach wie vor eine spannende Aufgabe, weil die Kontexte so vielfältig sind und weil sich mit der Zeit auch einiges ändert.


